Alarmstufe Rot im Schiedsrichterwesen
Das ist an diesem Freitagabend auf der Begrüßungsfolie des Kreisschiedsrichterausschusses Mittelthüringen (KSA) zu lesen. Dieser lud die 100 Fußballvereine des Kreises nach Bad Blankenburg zum Vereinsdialog. Die Botschaft ist also von Beginn an klar: es herrschen gravierende Missstände in unserem Kreis, was die Schiedsrichterei angeht.

Kreisschiedsrichterobmann (KSO) Paul Hegenbarth tritt ans Rednerpult und zeichnet ein genaues und düsteres Bild davon, was die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter (SR) aktuell an jedem Wochenende durchmachen müssen. Unzureichende Betreuung und Unterstützung am Spielort sind zwar ernüchternd, jedoch nicht das aktuelle Hauptproblem. Es häufen sich Fälle von Beleidigungen, Gewalt und Rassismus auf den Plätzen. Besonders der Jugendbereich ist hier betroffen, sind doch die dort leitenden SR ebenfalls meist noch im Kindes- und Jugendalter. „Telefonate mit verzweifelten und weinenden Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, sind keine Seltenheit mehr!“, schildert der KSO aus seinem Alltag. Den Ernst der Lage versteht jeder der 36 anwesenden Verein in der Aula der Landessportschule – die berühmte Stecknadel wäre jetzt gut hörbar.
Der Appell ist klar: Jede und jeder hat seinen Anteil daran. Zuschauende müssen eingreifen, wenn Eltern Kinder und Jugendliche anschreien und angreifen, Vereine müssen Ordner stellen und all jene des Sportgeländes verweisen, die sich nicht am fairen Sport und zivilisierten Umgang miteinander halten können oder wollen. Das kann nicht die Aufgabe der SR auf dem Platz sein, sollen sie sich doch auf die Leitung des Spiels konzentrieren. „Wir können das nur gemeinsam schaffen und dafür ist der gemeinsame Austausch mit euch so wichtig!“ schließt der KSO ernst seine Rede und setzt sich. Verhaltenes Klopfen – Zustimmen in der Sache, aber Applaus fühlt sich klar falsch an.

Dann übernimmt Konrad Götze, in seiner Funktion als Lehrwart verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung der SR im Kreis. Die Anzahl der SR auf dem Papier sei nicht das Problem, die Frage sei nur, welche Voraussetzungen sie mitbringen. Ein großer Teil der Aktiven ist unter 18, der Hauptteil der Personen, die von den Vereinen zu den Neuausbildungen geschickt werden, gar 14 und jünger. „Wir können diese Leute schlichtweg nicht ansetzen.“, konstatiert er und verweist damit auf die bereits beschriebenen Umstände.
Die Empfehlung des KSA an dieser Stelle ganz deutlich: Vor dem Abschluss des 16. Lebensjahres sollten Interessierte zunächst die Ausbildung zum Vereinsschiedsrichter absolvieren, um so erste Erfahrungen in Kleinfeldspielen zu sammeln. Diese Ausbildung ist thüringenweit einmalig und dauert zudem nur wenige Stunden. Auch wenn dadurch das SR-Soll des Vereins nicht erfüllt werden kann, geht es doch darum, gerade die Jungen und Mädchen zu schützen, die sich diesem Ehrenamt verschreiben wollen. „Das SR-Soll darf niemals über dem Kindeswohl stehen!“ Zustimmendes Nicken im Publikum.
Auch ist es problematisch, 14-jährige und jünger als Schiedsrichterassistenten in den Männerbereich zu nehmen. Das Ziel für diese Saison war, die Kreisliga als zweithöchste Spielklasse des Kreises wieder mit Assistenten zu besetzen, um hier die Möglichkeit einer langsamen Heranführung an die Assistententätigkeit und den Herrenfußball zu ermöglichen. Diesem Anspruch hinkt der KSA aufgrund fehlender Verfügbarkeit und Qualifikationen seiner SR weit hinterher. Die Folge: junge SR müssen ihre ersten Erfahrungen als Assistenten vermehrt in der Kreisoberliga – der höchsten Liga im Kreis Mittelthüringen – sammeln. Darunter leiden nicht nur die Spielqualität und Spielleitung, sondern auch die jungen selbst, sind sie hier einem weitaus höheren Druck ausgesetzt.

Konrad Götze untermauert seine Ausführungen: „Ohne SR läuft das Spiel halt nicht!“, und übergibt damit an den Ansetzer Domenico Cardone. Dieser erhebt sich und muss dabei gerade seine Arbeit unterbrechen – ihm hat gerade wieder jemand kurzfristig für morgen abgesagt. Tag für Tag versucht er, die Spiele im Kreis mit SR zu versorgen. Keine leichte Aufgabe: „Hätte ich keine SR, die am Wochenende bis zu vier Spiele leiten würden, könnte ich die Spiele nicht mehr besetzen!“ Es fehlen verlässliche Ehrenämtler, die Spiele abdecken können, ohne dass einige wenige ihre Familien vernachlässigen müssen, weil sie den Auftrag wahrnehmen, den Fußball im Kreis zu retten. Die Zukunftsfähigkeit dieser Situation ist gänzlich anzuzweifeln und auf lange Sicht würden Spielausfälle am Wochenende zur Normalität werden.
Die Stimmung ist nun endgültig im Keller. Aus diesem jedoch schnellen nun Arme in die Höhe. Der Austausch beginnt. Sachlich und konstruktiv werden Ideen hervorgebracht, Überlegungen angestellt und Möglichkeiten ausgelotet. Die folgenden Minuten sind gewinnbringend für alle Seiten, obwohl nun klar ist, dass es in einer solchen Angelegenheit keine Seiten geben kann. „Gibt es Hoffnung?“, scheinen sich alle im Raum zu fragen und tatsächlich werden vereinzelte Lichtblicke deutlich. Die Nachwuchs- und Jugendarbeit im KSA floriert, es gibt junge SR, die Engagement und Einsatzbereitschaft zeigen – nicht viele, nicht genug, aber es gibt sie.
Nach fast zwei Stunden folgt dann die Frage in die Runde: Wie fandet ihr diese Veranstaltung? „Es sind viel zu wenig Vereine anwesend, und von den Anwesenden sind viel zu viele Schiedsrichter. Es sollten viel mehr Vereinsverantwortliche und Vorsitzende aus den Vereinen anwesend sein.“, beschließt ein Teilnehmer die Veranstaltung und spielt auf die vielen leeren Sitze der Aula an. 64 Vereine blieben der Pflichtveranstaltung fern und schickten keine Vertretung. Und von den anwesenden Vereinsvertretern war ein großer Teil sowieso SR, die von ihrem Verein geschickt wurden. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese SR auch Veränderungen in ihrem Verein bewirken können.

Der KSA bedankt sich bei den Anwesenden, vereinzelte Gespräche bilden den Ausklang dieser bewegenden Veranstaltung. Eine offene Frage bleibt unausgesprochen im Raum: Die ausgerufene Alarmstufe ist eindringlich und klar. Jeder von den sich nun auf den Heimweg begebenden Personen hat dies verstanden. Doch was lässt sich verändern, wenn knapp 2/3 der Angesprochenen den Ruf nicht hören? Oder anders formuliert: Welche Farbe wird die nächste Alarmstufe haben?
Kein Spiel ohne SR!
Bilder/Text: Paul Geißler